Politik der Wahrheit (Part 3)

Im dritten Beitrag aus der Reihe über mein Buch zur Phänomenologie des Politischen im Ausgang von Michel Foucault (Baden-Baden 2025) werde ich das zweite Kapitel besprechen, in dem ich die sogenannte Diskursanalyse als eine hermeneutische Phänomenologie der Rede auslege.

Michel Foucault gehört zu jenen Denkern, die nicht nur für ihre Behauptungen bzw. für die konkreten Ergebnisse ihrer Untersuchungen bekannt sind, sondern allem voran auch für jene spezifische Methode, derer sie sich bedienen. Foucault zu verstehen, bedeutet daher allem voran auch, das Vorhaben der sogenannten “Diskursanalyse” zu verstehen.

Diskursanalyse ≠ Diskursanalyse

Auch wenn die Rede von “Diskursen” und der “Diskursanalyse” dank der breiten und auch heute noch quicklebendigen Foucault-Rezeption auch im Alltag angekommen ist, so ist es doch keineswegs selbstverständlich, was damit eigentlich gemeint ist: Was ist ein Diskurs, und was bedeutet es, diesen (im Sinne von Foucault) zu analysieren?

Die Schwierigkeit gründet nicht zuletzt darin, dass es im Grunde zwei sehr verschiedene Antworten auf diese Frage gibt, weil wir es genau genommen mit zwei verschiedenen Varianten von Diskursanalyse zu tun haben:

Auf der einen Seite nämlich diejenige Variante, die Foucault in der Archäologie des Wissens (1969) in Begriffen einer strukturalen Analyse von diskursiven Formationen beschreibt. Sowohl in der Foucault-Rezeption als auch im Alltag bezieht man sich in der Regel auf diese Variante der Diskursanalyse und den damit korrespondierenden Diskursbegriff. Ich möchte jedoch behaupten, dass dies genau genommen gar nicht den Kern der foucaultschen Diskursanalyse darstellt.

Auf der anderen Seite kommt Foucault nämlich hin und wieder auf eine Form von Analyse zu sprechen, die offensichtlich gar nichts mit jener strukturalen Analyse von diskursiven Formationen zu tun hat. Ein sehr anschauliches Beispiel dafür findet sich in dem Essay Mein Körper, dieses Papier, dieses Feuer (1972), in dem er am Beispiel seiner Lektüre von René Descartes’ Meditationen sehr eindrucksvoll zeigt, was es für ihn eigentlich bedeutet, ein diskursives Geschehen zu analysieren.

Zwischen Phänomenologie und Hermeneutik

Im Kontrast zur strukturalen Diskursanalyse würde ich die zweitgenannte Form von Analyse als hermeneutisch beschreiben — genauer gesagt als hermeneutisch-phänomenologisch.

Das mag auf den ersten Blick etwas überraschend erscheinen, da Michel Foucault gemeinhin nachgesagt wird, ein entschiedener Gegner sowohl der Hermeneutik als auch der Phänomenologie gewesen zu sein. Und in der Tat inszenierte er sich seit den 1960er Jahren lautstark als Opponent dieser beiden Traditionen. Es wäre jedoch ein Missverständnis, darin schlichtweg eine Abkehr von diesen Traditionen zu erkennen.

Ganz im Gegenteil: Foucault kritisiert den phänomenologischen Ansatz, insoweit ihm dieser eben nicht hermeneutisch genug sei; und er kritisiert die hermeneutische Methode, weil es dieser häufig an phänomenologischer Strenge fehle.

Mit anderen Worten: Foucaults eigener Ansatz ist keineswegs anti-hermeneutisch oder anti-phänomenologisch, sondern er läuft vielmehr auf eine hermeneutische Phänomenologie bzw. auf eine phänomenologische Hermeneutik hinaus.

Zur Selbstbehauptung des sprechenden Subjekts

Während die strukturale Analyse von Diskursen darauf ausgelegt ist, einen groben Überblick über das ganze Gerede zu gewinnen — also zum Beispiel was da so alles über einen bestimmten Sachverhalt gesagt worden ist —, wirft die hermeneutisch-phänomenlogische Analyse von Diskursen hingegen einen Blick darauf, was da eigentlich (mit uns) geschieht, wenn und indem wir reden.

Dabei lassen sich zunächst zwei Geschehnisse voneinander unterscheiden:

Einerseits stellt man Behauptungen über Sachverhalte auf, die sich idealerweise als objektiv bewähren, insoweit sie hinreichend begründet worden sind. Darin vorweggenommen ist zugleich die damit einhergehende Behauptung, dass es überhaupt solche Sachverhalte gibt, über die man objektiv sprechen kann.

Andererseits behauptet (und bewährt) man sich selbst als ein solches Subjekt, welches willig, fähig und berechtigt ist, über derartige Sachverhalte zu sprechen und objektiv gültige Aussagen darüber zu treffen.

Mit anderen Worten, wenn und indem wir reden, behaupten wir gleichzeitig die Existenz des besprochenen Objekts und unser Dasein als sprechendes Subjekt. Für Foucault sind nun zwei Dinge entscheidend:

Erstens, dass beide Geschehnisse unmittelbar miteinander zusammenhängen, da jede Behauptung über einen Gegenstand notwendig mit der Selbstbehauptung als ein solches Subjekt, das über jenen Gegenstand sprechen kann, einhergehen muss; und da jede Selbstbehauptung als ein so und so geartetes Subjekt zwangsläufig vor dem Hintergrund einer mit anderen Menschen geteilten Welt geschieht.

Zweitens, dass wir die Existenz des Subjekts und des Objekt der Rede, wenn und indem wir reden, nicht etwa als (objektive) Tatsachen nur zur Sprache bringen, sondern diese dadurch überhaupt erst als (soziale) Tatsachen hervorbringen. Mit anderen Worten, es gibt (für uns) gar keine Objekte und gar kein Subjekt, bevor wir darüber sprechen. Der Diskurs, das heißt der kommunikative Austausch mit anderen Menschen, ist der Ort der Subjekt-Objekt-Konstitution.

Der Traum, die Imagination und der Diskurs

Im zweiten Kapitel meines Buches liegt mein Fokus vor allem auf einem 1954 entstandenen Essay, in dem Foucault seinerseits den Essay Traum und Existenz (1930) von Ludwig Binswanger bespricht.

Der Essay ist einerseits ausschlaggebend, weil Foucault hier ganz ausdrücklich Position bezieht für eine produktive Vermählung von Phänomenologie und Hermeneutik:

So stellt er nämlich die Herangehensweisen von Edmund Husserl, der die moderne Phänomenologie begründet hat, und von Sigmund Freud, der hier für eine moderne Hermeneutik steht, einander gegenüber und beschreibt deren jeweilige Vor- und Nachteile. Dabei plädiert er schließlich für eine grundlegende Neuerfindung dieser beiden Herangehensweisen, indem er der Phänomenologie einen hermeneutischen Sinn gibt und die Hermeneutik auf einen phänomenologischen Boden stellt. Die Vermählung dieser beiden analytischen Traditionen in Form einer hermeneutischen Phänomenologie bzw. einer phänomenologischen Hermeneutik sieht er philosophisch bei Martin Heidegger und psychoanalytisch bei Ludwig Binswanger verwirklicht.

Interessant ist der Essay andererseits aber auch deswegen, weil Foucault hier bereits vorwegnimmt, an welchem Punkt er später mit seiner eigenen (hermeneutisch-phänomenologischen) Diskursanalyse ansetzen wird:

An den Phänomenen des Traumes und der Imagination zeigt er, dass wir keineswegs immer schon zwischen Ich und Welt, zwischen Subjekt und Objekt unterscheiden: Im Traum ginge ich nämlich ganz in der Welt, von der ich träume, auf; und beim Imaginieren ziehe ich mich einmal mehr in jene Welt zurück, die mir eigen ist.

Erst nachträglich, nämlich wenn unsere eigene Welt plötzlich (wieder) den Sinn einer mit anderen Menschen geteilten Umwelt erhalte, passen wir unsere Erfahrungen an jene neue Tatsache an, indem wir sie nun in Begriffen eines Ich, das Dinge subjektiv wahrnehmen und sich vorstellen kann, und einer objektiven, von mir unabhängigen, Welt, beschreiben.

Der kommunikative Austausch mit anderen Menschen (der Diskurs) ist der Ort der Konstitution von Subjekt und Objekt des Redens und Handelns, weil es eben derjenige Ort ist, an dem Ich und Welt überhaupt erst als voneinander getrennt erfahren werden.

***

Die foucaultsche Diskursanalyse wird häufig auf das Vorhaben verkürzt, zu rekonstruieren, wie wir über die Dinge sprechen. Die entscheidende Erkenntnis von Michel Foucault lautet jedoch, dass die jeweiligen Diskurse stets auch etwas über uns und über unser Verhältnis zueinander verraten.

Gegenstand der Diskursanalyse ist dann eben nicht mehr die Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen und über sie sprechen. Der Fokus der Analyse liegt dann vielmehr darauf, dem diskursiven Geschehen zu entlocken, wer wir eigentlich sind — wer wir sein wollen, und wer wir gemäß unseres Selbstverständnisses gegebenenfalls sein können, sein dürfen und sein sollen.

Die diskursive Analyse lenkt unseren Blick also auf einen blinden Fleck der alltäglichen Kommunikation und Interaktion: Ein jedes Reden und Handeln geht stets auch damit einher, mich selbst als das Subjekt zu behaupten, das ich sein will, sein darf und sein soll. Und der Erfolg jenes (kommunikativen) Handelns hängt schließlich daran, inwieweit es mir aus Sicht derjenigen Menschen, die ich adressiere, tatsächlich gelungen ist, mich als eben jenes Subjekt zu bewähren.

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