Politik der Wahrheit (Part 4)

Im vierten Beitrag aus der Reihe über mein Buch zur Phänomenologie des Politischen im Ausgang von Michel Foucault (Baden-Baden 2025) werde ich das dritte Kapitel besprechen, in welchem es um den Willen zur Wahrheit als den Gegenstand der historisch-kritischen Untersuchungen geht.

Was ist der allgemeine Gegenstand der philosophischen Studien von Foucault, wenn man die Untersuchungen zum Diskurs über den Wahnsinn, die Krankheit, den Menschen, das Strafwesen oder die Sexualität einmal auf ihren gemeinsamen Nenner hin befragt?

Die Materialität des Diskurses

Die erste Antwort auf die Frage, was eigentlich der Gegenstand jener Untersuchungen sei, lautet natürlich: Diskurse. Der Kern des historisch-kritischen Projekts ist die Analyse von Diskursen. Aber was ist ein Diskurs überhaupt? Zunächst ist damit einfach der Sachverhalt gemeint, dass über etwas geredet wird. Die treffende Übersetzung für das Wort “Diskurs” wäre sicherlich “Gerede”. Recht treffend ist das Wort Gerede auch deswegen, weil es die besondere Einstellung, die Foucault dem Gesagten entgegen bringt, sehr schön kommuniziert: Er schenkt dem, was da gesagt wird, zunächst keine Aufmerksamkeit.

So lautet die zweite Antwort auf die Frage nach dem Gegenstand nämlich, dass Foucault sich allem voran für die materielle Seite des Diskurses interessiert. Dabei kann man grob zwischen vier Aspekten jener Materialität unterscheiden:

Zunächst die lineare und die serielle Erscheinungsweise der Rede: Linearität bezieht sich darauf, dass beim Reden manifeste Laute bzw. Zeichen so aneinander gereiht werden, dass sie zusammen eine Aussage mit einer bestimmten Bedeutung repräsentieren. Serialität bezieht sich darauf, dass diese Aussagen sich oft auf andere Aussagen beziehen, die räumlich oder zeitlich direkt davor oder danach, gegebenenfalls aber auch andernorts und zu einem anderen Zeitpunkt gemacht worden sind.

Nun betont Foucault aber insbesondere auch den ereignishaft-strategischen Charakter von Diskursen: Auch wenn die durch das Gesagte repräsentierten Sachverhalte und Zusammenhänge scheinbar unabhängig davon, dass sie gesagt worden sind, wahr oder falsch sein können, so ist es doch keineswegs irrelevant, dass sie hier und jetzt tatsächlich zur Sprache gebracht worden sind. Dass man hier und jetzt etwas über etwas sagt ist ein Ereignis, das in der Welt gewisse Spuren hinterlässt und gewisse Auswirkungen hat. Und zunächst und zumeist ist das schließlich kein unerwünschter Nebeneffekt des Redens (über etwas), sondern der primäre Grund, warum wir überhaupt (darüber) reden: Wir wollen mit unseren Worten ja etwas bestimmtes bewirken.

Während es bereits philosophische bzw. wissenschaftliche Disziplinen gibt, die sich dem linearen und dem seriellen Charakter von Diskursen widmen — etwa die Linguistik und die Logik, so gerät der ereignishaft-strategische Charakter von Diskursen nur sehr selten eigens in den Blick. Genau das auf philosophisch-wissenschaftliche Weise zu tun ist der Gegenstand der Diskursanalyse.

Es geht also darum, zu analysieren, was da eigentlich geschieht bzw. was wir da eigentlich tun, wenn und indem wir (über etwas) reden.

Der Wille zum Wissen

Damit ist zwar geklärt, was da eigentlich analysiert wird. Aber was bedeutet es, denselben Gegenstand historisch-kritisch zu untersuchen?

Die dritte Antwort auf die Frage, was der Gegenstand seiner Untersuchungen sei, lautet: Foucault interessiert sich allem voran für die Tatsache, dass wir dazu neigen, den ereignishaft-strategischen Sinn des Redens zu verschleiern. Es ist nämlich kein Zufall, dass die Philosophie und die Wissenschaften den ereignishaft-strategischen Charakter der Rede stets sehr stiefmütterlich behandelt haben. Vielmehr sei das der Effekt einer systematischen Verschleierung. Gegenstand seiner philosophischen Kritik ist genau jene Tendenz, den ereignishaft-strategischen Charakter des Diskurses zu verschleiern.

Die vierte Antwort auf die Frage nach dem konkreten Gegenstand seiner Untersuchungen verweist schließlich auf eine ganz spezifische Form der Verschleierung, nämlich die Bindung des Diskurses an den Willen zum Wissen. Es handle sich hierbei um die vielleicht erfolgreichste Strategie, um den ereignishaft-strategischen Charakter des Diskurses (scheinbar) zu negieren: Wenn das Gerede ganz allein daraufhin beurteilt wird, inwiefern das, was über die angesprochenen Sachverhalte und Zusammenhänge gesagt worden ist, wahr oder falsch ist, so spielt der Umstand, dass sie von jemandem mit einer bestimmten Absicht gesagt worden sind, offenbar gar keine Rolle mehr. Das plötzliche Auftauchen, die allmähliche Durchsetzung und die konkreten Erscheinungsweisen des Willens zum Wissen sind der primäre Gegenstand seiner historischen Untersuchung.

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Warum ist der Blick auf die Materialität des Diskurses wichtig?

In unserem Verhältnis zur materiellen Dimension des Diskurses offenbart sich letztendlich die politische Verfassung unseres kommunikativen Zusammenlebens: Die Verantwortung, welche die Fähigkeit, miteinander zu kommunizieren, uns auferlegt; das Vertrauen, dass ein funktionierendes Miteinander uns abverlangt; die Vulnerabilität, die damit einhergeht, sich redend gegenüber seinen Mitmenschen zu öffnen.

So erklärt sich auch das Bedürfnis, den ereignishaft-strategischen Charakter des diskursiven Geschehens so weit wie möglich zu neutralisieren, denn häufig fühlen wir uns jener Verantwortung (gegenüber den anderen) nicht so recht gewachsen; oft fällt es uns schwer, das dafür notwendige Vertrauen (den anderen gegenüber) aufzubringen; ständig werden wir von der Angst, (von den anderen) verletzt zu werden, überwältigt.

Daher auch die Attraktivität des genannten Willens zum Wissen als der Leitidee eines gelungenen Diskurses: Jene Idee verspricht uns nämlich eine unpolitische Form der Kommunikation und somit eine quasi unpolitische Basis für ein gelungenes Zusammenleben – frei von den Herausforderungen eines politischen Daseins.

In Wirklichkeit, so ist schließlich einzuwenden, verschleiert die Bindung des Diskurses an den Willen zum Wissen nur den Umstand, dass der davon betroffene Diskurs aber nachwievor politisch ist – also ein permanentes Aushandeln, wer wir sein und wie wir (miteinander) leben wollen –, und macht uns daher Blind für die genuine Möglichkeit, verantwortungsbewusst am politischen Diskurs teilzunehmen.

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Politik der Wahrheit (Part 3)