Politik der Wahrheit — Part 2: Der andere Kant und die Frage der Aktualität (Kapitel 1)

Im zweiten Beitrag aus der Reihe über mein Buch zur Phänomenologie des Politischen im Ausgang von Michel Foucault (Baden-Baden 2025) möchte ich das erste Kapitel mit dem Titel “Der andere Kant und die Frage der Aktualität” besprechen.

Eine systematische Auslegung des diskursanalytischen Projekts

In den drei Kapiteln des ersten Teils des Buches widme ich mich der Auslegung des philosophischen Projekts von Michel Foucault, namentlich der Auslegung der Fragestellung, der Methode und des Gegenstands seiner historisch-kritischen Untersuchungen.

Auf den ersten Blick scheint dieses Unterfangen nicht besonders aufregend zu sein, weil es ja zunächst eher den Eindruck einer akademischen Formalität erweckt: Man soll schließlich nachweisen, dass man das philosophische Werk, mit dem man sich auseinandersetzt – in diesem Fall das Werk von Michel Foucault –, hinreichend verstanden hat, indem man die zentralen Gedanken identifiziert und in eigenen Worten erklärt.

In Wirklichkeit kommt den ersten drei Kapiteln hier eine entscheidende Rolle zu, die deutlich über jene formale Übung hinausweist:

Einerseits in praktischer Hinsicht: Die leitende Hypothese der Untersuchung lautet schließlich, dass Michel Foucault dank der Art und Weise, wie er die Dinge betrachtet, (unverhofft) über das Phänomen des Politischen gestolpert war, dem auf den Grund zu gehen schließlich das Ziel des Buches ist. So widmet sich der erste Teil des Buches gerade der sorgfältigen Analyse eben jener “Art und Weise, die Dinge zu betrachten”, die dem Werk von Foucault eigen ist. Es ist der erste Schritt, um das zu untersuchende Phänomen überhaupt sichtbar zu machen.

Andererseits in theoretischer Hinsicht: Es ist genau genommen nämlich gar nicht so offensichtlich, was die allgemeine Fragestellung, die grundsätzliche Methode und der übergreifende Gegenstand der philosophischen Studien von Foucault sind. Der historisch-kritischen Praxis von Foucault mangelt es etwas an Transparenz, und die Foucault-Rezeption gibt sich zumeist mit (wohl)begründeten Vermutungen zufrieden, worum es ihm denn eigentlich gehe. Mich interessiert in meiner Arbeit aber nicht, was er vermutlich tut, sondern was er nachweislich tut.

Eine Lektüre von Immanuel Kant

Das erste Kapitel widmet sich nicht nur der Auslegung der dem philosophischen Projekt von Foucault zugrunde liegenden Fragestellung, sondern zugleich seiner Lektüre von Immanuel Kant. Warum? Weil Foucault selbst darauf hingewiesen hat, dass Kants philosophische Fragestellung eben auch die seine ist. Dabei bezieht er sich allerdings nicht primär auf den Kant der drei Kritiken – also die Kritik der reinen Vernunft, die Kritik der praktischen Vernunft und die Kritik der Urteilskraft –, sondern auf jenen anderen Kant, der uns in den anthropologischen und geschichtsphilosophischen Studien begegnet.

Hinter diesen beiden Erscheinungsweisen von Immanuel Kant verstecken sich nämlich zwei verschiedene Fragestellungen:

Auf der einen Seite das Projekt einer philosophischen Grundlegung, die von der Frage getragen ist, was (überhaupt) möglich ist: Was kann ich wissen? Was darf ich hoffen? Was soll ich tun? Das sind bekanntlich die grundlegenden Fragen, mit denen Kant sich in den Kritiken auseinandersetzt. Das Nachdenken über die Bedingungen der Möglichkeit kulminiert schließlich in einer vierten Fragestellung: Was ist der Mensch?

Auf der anderen Seite hingegen das Projekt einer philosophischen Zeitdiagnose, die dagegen von der Frage bewegt wird, was (gegenwärtig) wirklich ist. Was geschieht da gegenwärtig um uns herum und mit uns? In wieweit spiegelt dieses Geschehen das wider, was wir sind und was wir sein wollen? Das Nachdenken über die konkreten Bedingungen der Wirklichkeit kulminiert schließlich in der kritischen Diagnose, was wir gegenwärtig sein können, sein dürfen und sein sollen.

Im ersten Fall also die Kritik als eine Bestandsaufnahme dessen, was möglich ist, und die Anthropologie (“Was ist der Mensch?”) als die Rekonstruktion der allgemeinen Bedingungen der Möglichkeit.

Im zweiten Fall hingegen die Anthropologie (“Was sind wir und was wollen wir sein?”) als eine Bestandsaufnahme dessen, was wirklich der Fall ist, und die Kritik als eine Diagnose der konkreten Bedingungen der gegebenen Wirklichkeit.

Immanuel Kant sei im Grunde der Erste gewesen, der die zweitgenannte Fragestellung, also das Projekt einer Diagnose der Gegenwart, in die Philosophie eingeführt habe. So sei dessen Anthropologie in pragmatischer Hinsicht eben keine Philosophie im erstgenannten, sondern eine Philosophie im zweitgenannten Sinne. Gerade das hätten die post-kantischen Anthropologien jedoch nicht begriffen.

Eine historisch-kritische Ontologie unserer selbst

Der Zusatz “in pragmatischer Hinsicht”, der die Anthropologie im zweitgenannten Sinne begleitet, signalisiert zugleich eine wichtige Verschiebung in Bezug darauf, was die dazugehörige Kritik eigentlich leisten soll: Infrage steht nämlich nicht primär, was überhaupt möglich sei, sondern allem voran, warum wir von diesen Möglichkeiten gegenwärtig so und so Gebrauch machen.

Jener Gebrauch ist nämlich durch jene Möglichkeiten nicht vollständig determiniert, sondern er ist darüber hinaus motiviert. Es geht letztendlich nicht nur um ein Können, Dürfen und Sollen, sondern stets auch um ein Wollen. Infrage steht allem voran der unser Verhalten bestimmende Wille zu … (“la volonté de …”).

Nun ist der Blick auf jenes Wollen gleichwohl kritisch, insofern das, was wir wollen, eben auch davon abhängig sei, was wir wollen können, wollen dürfen und wollen sollen. So erhält das Können, Dürfen und Sollen als Gegenstand jener Kritik also einen positiven Sinn, denn es geht eben nicht nur um die Grenzen unserer Möglichkeiten, sondern vor allem um die Herkunft unserer Motivationen.

Bei Foucault ist der Blick auf jenes Wollen stets auch historisch, weil er annimmt und in seinen Studien auch wiederholt zeigt, dass es keineswegs selbstverständlich ist, dass wir dieses und jenes wollen. Der Mensch strebe beispielsweise nicht von Natur aus nach Wissen und nach Wahrheit. Es seien vielmehr die (gesellschaftlichen) Umstände, die uns Wissen und Wahrheit als erstrebenswert nahelegen. Die entscheidende Frage laute also: Warum?

***

Das philosophische Projekt von Foucault läuft also, wie er später sagt, auf eine historisch-kritische Ontologie unserer selbst hinaus, getragen von der Frage der Gegenwart. Erst vor dem Hintergrund dieser eigentümlichen Fragestellung kommt das kritische Potenzial des diskursanalytischen Projekts von Michel Foucault wirklich zum Vorschein.

Nicht nur das Verständnis von Foucault, sondern auch unsere alltägliche Praxis wird durch diese eigentümliche Fragestellung grundlegend erschüttert. Denn die schockierende Tatsache ist ja, dass wir es zunächst und zumeist eben nicht gewohnt sind, diese Frage zu stellen: Was wollen wir eigentlich? Warum wollen wir das überhaupt? Und wem nützt es wirklich, wenn wir diesem (gemeinsamen) Willen entsprechend handeln?

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Nachruf auf Jürgen Habermas