Nachruf auf Jürgen Habermas
Aus gegebenen Anlass unterbreche ich die laufende Reihe zur Politik der Wahrheit, um mich einmal mehr gebührend von einem Denker zu verabschieden, der für meine philosophische Entwicklung eine bedeutende Rolle gespielt hat: Jürgen Habermas, der letzte deutsche Meisterdenker, ist am 14. März 2026 gestorben.
Habermas’ Werk, das sich über Philosophie, Soziologie, Politik- und Kulturwissenschaften erstreckt, hat die akademische Diskussion über Jahrzehnte maßgeblich beeinflusst und bleibt ein unverzichtbarer Bezugspunkt für den Diskurs darüber, wer wir heute sind, sein können und sein sollten.
Ein zentraler Meilenstein seiner gedanklichen Entwicklung ist zweifellos die zu Beginn der achtziger Jahre publizierte Theorie des kommunikativen Handelns, im Zuge derer Habermas ein für alle Mal mit einer (rein) instrumentellen Handlungslogik bricht und stattdessen die kommunikative Vernunft als primäre Grundlage gemeinsamen Handelns in den Fokus rückt.
Habermas macht uns darauf aufmerksam, dass Sprechen viel mehr ist als die Wiedergabe schon ausgeformter Gedanken und Kommunikation viel mehr als ein bloßes Mitteilen der eigenen Intentionen: Es beschreibt die Art und Weise, wie wir unser Handeln gezielt aufeinander abstimmen und so schließlich gemeinsames Handeln überhaupt ermöglichen. Kommunikation ist zunächst und zumeist ein Akt der Gemeinschaftsbildung.
Mit seinen eigenen Überlegungen knüpft Habermas gezielt an das (unvollendete) Projekt der Moderne an: Im modernen Bewusstsein von der sozio-kulturellen Herkunft gesellschaftlicher Normen sieht er keineswegs ein Lippenbekenntnis zum normativen Relativismus, sondern erkennt darin die eigentliche Aufgabe der Aufklärung: Eine Diskurstheorie der normativen Geltung zu entwickeln, die moralische und rechtliche Geltungsansprüche gerade durch (idealisierte) kommunikative Prozesse zu begründen erlaubt.
Habermas betont, dass normative Aussagen genau dann und nur dann Geltung für sich beanspruchen können, wenn sie in einem freien, gleichen und vernünftigen Diskurs von allen Betroffenen nachvollzogen und akzeptiert werden können. Dementsprechend war Habermas stets einer der größten Fürsprecher einer deliberativen Demokratie: Das Verfahren der Mehrheitsentscheidung reicht nicht aus, um die demokratische Geltung jener Entscheidung zu begründen, sondern sie sollte das Ergebnis eines herrschaftsfreien und öffentlichen Diskurses sein.
Mit seinem Tod endet in gewisser Weise ein wichtiges Kapitel der deutschen Geistesgeschichte. Der fortwährende Kampf um ein demokratisches Gemeinwesen verliert mit ihm einen wichtigen Mitstreiter.
Während meiner Studien stolperte ich wieder und wieder über das Werk von Jürgen Habermas. Jedes Mal war ich fasziniert von dem sprachlichen Stil seiner Texte, von der Strenge seiner Argumente und von dieser Ernsthaftigkeit, mit der er viele große Denker kommentiert und kritisiert hat.
Seine harsche Kritik gegenüber Michel Foucault war allerdings auch der Grund, warum ich mich zunächst nur sehr zögerlich auf Habermas’ eigene Überlegungen einlassen konnte – die Kluft zwischen den Ansätzen von Habermas und Foucault schien mir insgesamt doch zu groß zu sein, um sie sinnvoll miteinander in Einklang zu bringen.
Erst jüngst wurde mir bewusst, wie sehr der späte Foucault den Autor der Theorie des kommunikativen Handelns (1981) in Wirklichkeit bewunderte, und wie stark seine Vorlesung über das Problem der parrhesia letztendlich von seiner Auseinandersetzung mit Habermas inspiriert war. Auch Habermas musste in seinem Nachruf auf Foucault schließlich einräumen, dass ihre Projekte einer philosophischen Diagnose der Gegenwart eigentlich gar nicht so verschieden waren.
In meinem neuesten Buch, das im Sommer 2026 erscheinen wird, widme ich der Debatte zwischen Jürgen Habermas und Michel Foucault daher ein eigenes Kapitel: