Politik der Wahrheit
Zur Phänomenologie des Politischen im Ausgang von Michel Foucault
Studien zur Phänomenologie und Praktischen Philosophie | Bd. 56
2025 | 305 S. | brosch. | 79,00 €
ISBN 978-3-98740-165-7
Das Werk Michel Foucaults ist ein politisches Ereignis.
Durch eine innovative Re-Lektüre seiner Schriften rekonstruiere ich, wie Foucault durch die Frage nach dem historisch-ontologischen Ursprung des abendländischen Willens zur Wahrheit eher unverhofft auf den politischen Sinn seines kritischen Vorhabens aufmerksam wird. Der wahre Diskurs und die daraus erwachsende kritische Haltung verweise uns nämlich nicht auf ein natürliches Erkenntnisstreben, sondern auf die politisch-ethische Problematisierung eines durch Zynismus geprägten Verhältnisses zum Anderen.
Über den kleinen Umweg einer politischen Geschichte der Wahrheit eröffnen die Studien von Foucault so eine eigene Perspektive auf das Phänomen des Politischen.
In den kommenden Beiträgen werde ich die drei Hauptteile dieses Buches noch einmal im einzelnen zusammenfassen und daraufhin beleuchten, was sich aus ihnen für die Lektüre von Michel Foucault, für unser politisches Zusammenleben und für die philosophische Praxis gewinnen lässt.
Hier jedoch zunächst ein Überblick darüber, worum es in dieser philosophischen Studie überhaupt geht: Wie lautet die allgemeine Fragestellung? Wie versuche ich diese Frage zu beantworten?
Zur Fragestellung:
Die grundlegende Frage, die dem Projekt zugrunde liegt, lautet: Was bedeutet es, zu sagen, etwas sei politisch? Die Frage ist inspiriert von den jüngeren Bemühungen um eine Theorie des Politischen in der französischen und neuerdings auch in der deutschen Philosophie, die klar zwischen der Politik (la politique) und dem Politischen (le politique) zu unterscheiden versucht: Während ‘Politik’ jene Institutionen bezeichnet, in denen politische Angelegenheiten ausgehandelt und entsprechende Entscheidungen in die Tat umgesetzt werden, bezieht sich der Begriff des ‘Politischen’ hingegen auf die allgemeine Verfassung jener Angelegenheiten, die dort verhandelt werden.
Wie der Untertitel meiner Studie schon andeutet, ist die vorliegende Befragung des Politischen in zweierlei Hinsicht ausgezeichnet:
Erstens geht es um eine Phänomenologie des Politischen, das heißt es geht mir nicht um eine begriffliche Analyse des Begriffs ‘politisch’, sondern darum, wie die damit zu bezeichnenden Sachverhalte von uns als politisch erfahren werden. Die Antwort auf die genannte Frage soll lebensnah sein – aus alltäglichen Erfahrungen gewonnen und daher auch leicht wieder auf unseren Alltag übertragbar.
Zweitens geht es um einen phänomenologischen Zugang zum Politischen im Ausgang von Michel Foucault. Foucault (1926-1984) war ein französischer Philosoph, der insbesondere durch seine historisch-kritischen Untersuchungen zeitgenössischer Denkweisen, Institutionen und Praktiken bekannt geworden ist. Die meiner Studie zugrunde liegende Intuition war nämlich, dass das Werk von Foucault einen interessanten Zugang zum fraglichen Phänomen darbiete, da er in seinen Studien wiederholt aufgezeigt hat, dass das Politische auch in solche Lebensbereiche vordringt, die auf den ersten Blick eher unpolitisch zu sein scheinen – so zum Beispiel in die Wissenschaften, das Gesundheits- und das Strafwesen, die Erziehung, die Sexualität oder die Ethik. So erschüttern seine historisch-kritischen Untersuchungen nicht nur die Selbstverständlichkeit, die wir jenen scheinbar unpolitischen Lebensbereichen entgegenbringen, sondern sie stellen eben auch infrage, was es eigentlich bedeutet, dass etwas politisch sei.
Zum Vorgehen:
Die Studie nähert sich dem Phänomen des Politischen in drei Schritten. Das Buch ist daher unterteilt in drei Teile:
Erstens die Sicherung des rechten Zugangs zum gesuchten Phänomen durch die systematische Auslegung des diskursanalytischen Projekts von Michel Foucault. Da Foucaults historisch-kritische Untersuchungen den Leitfaden darstellen, wie ich mich dem Politischen systematisch anzunähern gedenke, so wäre nämlich zunächst zu klären, wodurch sich seine eigentümliche Form von Untersuchung überhaupt auszeichnet. Es geht also um eine Auslegung der zentralen Dimensionen seines historisch-kritischen Projekts: Die Fragestellung, die Methode und der Gegenstand.
Zweitens die Annäherung an das gesuchte Phänomen über den Nachvollzug der politischen Geschichte der Wahrheit. Der primäre Gegenstand der historisch-kritischen Untersuchungen von Foucault sei nämlich, so behaupte ich, die eigentümliche Bindung des (abendländischen) Diskurses an den Willen zur Wahrheit. Im zweiten Teil der Studie rekonstruiere ich darum, wie sich dieses Phänomen als ein eigens zu untersuchender Gegenstand herausschälte, inwieweit er sich allmählich als durch und durch politisch entpuppte, und insofern Foucault schließlich darum bemüht war, jenem eigentümlichen ‘politisch’ sein des Willens zur Wahrheit systematisch auf den Grund zu gehen.
Drittens die Auslegung des parrhesia-Diskurses als einer ausgezeichneten Erscheinungsweise des gesuchten Phänomens. Denn Foucaults Bemühungen, den politischen Sinn des Willens zur Wahrheit zu ergründen, kulminiert schließlich in den zwischen 1982 und 1984 gehaltenen Vorlesungen über den Begriff der parrhesia – ein Wort aus dem Altgriechischen, das unter anderem mit ‘Freimut’ übersetzt werden könnte – und die damit assoziierte Praxis eines mutigen Wahrsprechens. Der letzte Teil der Studie widmet sich daher der phänomenologischen Analyse der im Namen jener parrhesia problematisierten Zusammenhänge.
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Was hat es also mit der eigentümlichen Bindung des (politischen) Diskurses an den Willen zur Wahrheit auf sich, auf deren Spuren ich mich mit Michel Foucault begeben habe, um dem Phänomen des Politischen auf den Grund zu gehen?
Bleibt gespannt!