Nachruf auf Bernhard Waldenfels

Auch wenn es eine eigentümliche Art und Weise ist, einen Blog zu beginnen, möchte ich mich hiermit aus gegebenen Anlass einmal gebührend von dem Philosophen Bernhard Waldenfels verabschieden, der am 23. Januar 2026 verstorben ist.

Mit Bernhard Waldenfels verliert die deutschsprachige Philosophie eine ihrer wichtigsten Stimmen — und die internationale Phänomenologie einen Denker, der das Fach über Jahrzehnte hinweg geprägt und erneuert hat.

Waldenfels gehört zu den Vertretern einer phänomenologischen Philosophie, die nicht bei abstrakten Systemen stehen bleibt, sondern beim Erleben, beim Wahrnehmen und beim menschlichen Umgang mit der Welt ansetzt. Bekannt wurde er vor allem durch seine Arbeiten zum Fremden und zur Antwortstruktur menschlicher Erfahrung. In zahlreichen Büchern zeigte er, dass das Fremde nicht bloß ein Randphänomen ist, sondern eine Grunddimension des Menschlichen: etwas, das uns begegnet, bevor wir es einordnen oder beherrschen können.

Seine Philosophie verbindet systematische Klarheit mit einer konsequenten Orientierung an konkreten Phänomenen: Leiblichkeit, Wahrnehmung, Sprache, Interaktion, Normativität und Macht. Dabei war sein Denken, wie er selbst betonte, von einer außergewöhnlichen Haltung geprägt: nämlich der Bereitschaft, sich vom Anderen irritieren zu lassen, ohne es vorschnell zu neutralisieren oder in vorhandene Kategorien einzuordnen. Er schrieb über Ordnung und Störung, über Leiblichkeit, Sprache und soziale Praxis — stets mit dem Anspruch, philosophische Begriffe an der Erfahrung zu prüfen, nicht umgekehrt. Damit war sein Werk auch weit über die Philosophie hinaus anschlussfähig: in Soziologie, Kulturwissenschaft, Medizinethik und politischer Theorie.

Bernhard Waldenfels hinterlässt ein umfangreiches Werk, das weiterhin gelesen werden wird — nicht zuletzt, weil es eine Frage wachhält, die aktueller kaum sein könnte: wie wir dem begegnen, was uns fremd ist.

Mit Bernhard Waldenfels verbindet mich schließlich auch eine persönlichere Arbeitsbeziehung. Über knapp zwei Jahre hinweg war ich im Bernhard-Waldenfels-Archiv in Freiburg tätig, wo ich seinen philosophischen Vorlass – der nun zum Nachlass geworden ist – betreut, gepflegt und systematisch katalogisiert habe. In diesem Zusammenhang entstand ein Findbuch, das Interessierten den Zugang zum materialen Bestand des Archivs erleichtern soll. Da der wissenschaftliche Wert eines Denkens sich nicht zuletzt auch in seinen Manuskripten, Notizen und Arbeitsmaterialien zeigt, möchte ich an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich auf dieses Findbuch hinweisen:

Die Arbeit im Archiv bedeutete für mich nicht nur eine editorische oder organisatorische Tätigkeit, sondern auch eine intensive Auseinandersetzung mit der Werkgenese seines Denkens: mit handschriftlichen Korrekturen, Randbemerkungen, Umstellungen, Streichungen — mit jenen Spuren also, in denen sich philosophische Arbeit konkret vollzieht.

Zugleich hatte ich in dieser Zeit mehrere Gelegenheiten, Bernhard Waldenfels persönlich zu begegnen und ihn sprechen zu hören. Diese Begegnungen bleiben mir als ruhig, konzentriert und in einer besonderen Weise aufmerksam in Erinnerung — ganz im Einklang mit jener Haltung, die auch sein Denken ausgezeichnet hat.

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